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Transformation in Gumuz-Oromo Relations: Identity, Conflict and Social Order, Western Ethiopia | Max Planck Institut für ethnologische Forschung

Transformation in Gumuz-Oromo Relations: Identity, Conflict and Social Order, Western Ethiopia | Max Planck Institut für ethnologische Forschung

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by Ameyu Godesso Roro submitted at the Philosophische Fakultät I, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Es existiert ein großer Korpus an Literatur, der die verschiedenen Verbindungen zwischen ethnischer Identität und gegenwärtigen Konflikten aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet: aus primordialistischer Sicht unter der Annahme starrer Beziehungen ethnischen Hasses und ethnischer Loyalitäten; aus konstruktivistischer Sicht mit Bezug auf kollektive Identifikation; oder aus instrumentalistischer Perspektive mit Blick auf Identitätspolitik. Die Forschung betont seit kurzem verstärkt, dass ethnische Gruppen über ihre eigenen kulturellen Identitäten verfügen, und dass jene kulturellen Identitäten eine politische Relevanz erlangt haben und somit entscheidenden Einfluss auf übergeordnete soziale Identifikationsprozesse und politische Systeme ausüben. Der Schwerpunkt der vorliegenden Arbeit liegt auf der Untersuchung der Abgrenzung zwischen kultureller Identität im Allgemeinen und der politisch relevanten kulturellen Identität. Ob ethnische (kulturelle) Identität zum Bestandteil der Dynamiken eines gewaltförmigen Konflikts werden, hängt vom Wirkungsgrad der staatlichen Institutionen ab. Wie in anderen Teilen der Welt unterscheidet sich die Identität der meisten ethnischen Gruppen Äthiopiens deutlich von der Identität der ethnischen Gruppe, die das politische und wirtschaftliche Zentrum dominiert. Ethnische Gruppen, die nicht als legitime Anwärter auf die Macht im Zentrum angesehen werden, und zudem von der ethnischen Gruppe dominiert werden, die den Nukleus der regierenden Klasse bildet, verfügen generell über keinen politischen und wirtschaftlichen Einfluss. Dennoch stellt die Kanalisierung der Identitätspolitik in einen friedlichen politischen Konkurrenzkampf einen wichtigsten Aspekt der sozialen Ordnung dar.

Seit den 1970ern nahmen Studien zu Ethnizität und Nationalismus einen großen Teil der ethnologischen Forschung ein, dies hatte zur Folge, dass auch viele Untersuchungen zu ethnischen Konflikten und Konfliktlösungen stattfanden. In Äthiopien nahmen die vorherrschenden Ansätze zu Konflikten Bezug auf den ethnischen Föderalismus (mit Schwerpunkt auf ethnische Zugehörigkeit), und beinhalteten stereotypische Abbilder ethnischer Gruppen und des ethnischen Föderalismus: ethnische Identität wird als etwas ‚Erfundenes‘ betrachtet und ethnischer Föderalismus wird als ‚spaltend‘ und als ‚Konfliktpotenzial‘ gesehen. Obwohl schon häufig widerlegt, hält die Literatur immer noch daran fest, dass einige Aspekte ethnischer Identität nicht gewählt seien und für die Selbstidentifikation einer Gruppe genutzt würden. Ebenso legen Teile der Literatur nahe, dass sich Spannungen zwischen ethnischen Gruppen durch die gesamte äthiopische Geschichte
ziehen. Im Unterschied zur gegenwärtigen Situation bezog der Staat in der Vergangenheit nicht öffentlich Position zu kulturellen Unterschieden zwischen ethnischen Gruppen. Das stereotype negative Image des ethnischen Föderalismus ignoriert, wo kulturelle Identitäten politische Relevanz erlangten, und wo staatliche Institutionen und die Wirtschaft Identitätspolitik für einen friedlichen, politischen Konkurrenzkampf einsetzten.

Die vorliegende Arbeit untersucht daher, welchen Status ethnische Gruppen im Kontext des ethnischen Föderalismus besitzen; wie sich einzelne Gruppen von anderen unterscheiden und welchen Status bundesstaatliche Institutionen im föderalen System haben und fragt wie sich das föderale System vom früheren Einheitssystem unterscheidet. Darauf aufbauend lege ich dar, dass ethnischer Konflikt auf dem Verhältnis zwischen ethnischer Identität und politischer Identität und der erfolgreichen oder erfolglosen Umsetzung ethnischer Identitäten in friedlichen, politischen Konkurrenzkämpfen beruht. All diese Prozesse sind allerdings von den staatlichen Institutionen abhängig.

Gegenstand dieser Arbeit ist im Besonderen die Rolle ethnischer Identität bei der Veränderung von Allianzen und Beziehungsdynamiken zwischen den Oromo und Gumuz in Westäthiopien. Ich analysiere die grundlegenden Konfliktursachen in der Region, so unter anderem: die Versuche, multiethnische/regionale Parteien zu einer dominanten, auf einer einzigen politischen Identität basierenden Partei zu transformieren; die umstrittene Repräsentanz ethnischer Parteien; und die Begrenztheit des gegenwärtigen ethnischen Föderalismus in Bezug auf die Adressierung ethnonationaler Fragestellungen. Die für die Oromo und Gumuz umstrittenste und bislang ungeklärte ethnonationale Frage betrifft die Aufteilung von Macht und Ressourcen. Die Oromo sind die größte ethnische Gruppe in Ostafrika. Ihr Bevölkerungsanteil in Äthiopoien beträgt ca. 34.5% (CSA 2007). Ihr Siedlungsgebiet erstreckt sich vom nordöstlichen Äthiopien nach Nordkenia und vom Sudan im Westen bis in die Somali-bewohnten Gebiete im Osten. Die Gumuz gehören zu den nilotischen Völkern entlang der sudanesisch-äthiopischen Grenze. Etwa 160.000 Gumuz leben in Äthiopien. Die Hälfte dieser Bevölkerung lebt südlich des Blauen Nils (nachfolgend Abbaya). Sie sprechen die Gumuz-Sprache, die zu den nilo-saharanischen Sprachen gehört. Die Oromo, deren Sprache zur einer anderen – der kuschitischen – Sprachfamilie gehört, hatten gute nachbarschaftliche Beziehungen zu den Gumuz, bevor infolge der politischen Veränderungen 1991 gewaltförmige Konflikte zwischen den beiden Gruppen ausbrachen. Das Hauptziel der vorliegenden Arbeit ist die Untersuchung dieser Veränderung in den Gumuz-Oromo Beziehungen mit einem besonderen Schwerpunkt auf ethnische Identitätsbildung, ethnische Konflikte und auf die soziale Ordnung. Für meine Untersuchung des historischen Verlaufs der Veränderung in den Gumuz-Oromo Beziehungen, die mit den ersten Kontakten zwischen den Gruppen im 19. Jahrhundert begannen, ziehe ich sowohl mündliche als auch schriftliche Quellen heran. Ich interviewte männliche Stammesälteste und analysierte verschiedene schriftliche Quellen zu den Themen Sklaverei, frühe Staatsausbreitung und Widerstand gegen den Staat, Bevölkerungsbewegungen und politische und wirtschaftliche Reformen. Zur Datenerhebung wählte ich einen multi-lokalen Ansatz. Relevante Quellen wurden herangezogen, die die historische und politische Komplexität von wechselnden ethnischen Allianzen, Identifikationsprozessen und Konfliktformation widerspiegeln, und die zeigen, wie diese Prozesse mit dem breiteren politischen Setting verwoben sind. Im Allgemeinen umfasst der theoretische Rahmen der Arbeit Theorien von Konflikt und Integration.

Die Feldforschung fand von Dezember 2013 bis Dezember 2014 in benachbarten Gumuz- und Oromo-Gemeinschaften entlang des gemeinsamen Grenzgebietes statt. Dieses erstreckt sich über den Sagissa Distrikt in der East Wallagga Zone des Bundesstaates Oromia und den Balo Jeganfoy Distrikt in der Kamashi Zone der Benishangul Gumuz Region. Das Gebiet ist von besonderem Interesse, weil es hier zu vielen Konflikten im Zusammenhang mit Grenzstreitigkeiten oder Landansprüchen kommt. In Ergänzung zu den ethnographischen Daten, die in den Dörfern gesammelt wurden, komplettieren Informationen von Beamten auf der Distrikts-, Zonen- und regionalen Ebene die Datengrundlage der Arbeit. Diese beinhaltet Literaturanalyse, die Auswertung offizieller Dokumente und Interviews mit wichtigen Informanten staatlicher, nicht-staatlicher, akademischer und anderer relevanter Einrichtungen in den vorgenannten Gebieten.

Die vorliegende Dissertation gliedert sich in neun Kapitel, die der Entwicklung der politischen und wirtschaftlichen Veränderungen folgen. Die Struktur folgt der Geschichte wirtschaftlicher und politischer Konsolidierung im Rahmen der Zentrum-Peripherie-Beziehungen. Kapitel Eins liefert den theoretischen Hintergrund. Aufbauend auf den Ansatz, dass ethnische Konflikte in Äthiopien Resultat der historischen Prozesse zur Staatenbildung sind, widerspreche ich mit der vorliegenden Arbeit der Ansicht, dass ethnische Identität und ethnischer Föderalismus die Auslöser für Konflikte in Äthiopien sind. Ich zeige, wie kulturelle und/oder ethnische Identitäten zu politischen Identitäten transformiert werden, und wie politisierte ethnische Identitäten Konflikte auslösen können, ohne dass die Konflikte a priori als ‚ethnisch‘ zu definieren sind. Anschließend wird der Focus der vorliegenden Arbeit erklärt und eine Beschreibung des Forschungsgegenstands vorgenommen. Das Kapitel widmet sich zudem den gegenwärtigen Theorien zu Identität und Konflikt in Gesellschaften. Konzepte wie Identität, Identitätspolitik und Instrumentalismus werden verwendet, um konkurrierende Ansätze zur Begründung von Konflikten in Beziehungen zwischen Gruppen zu untersuchen und um die Konzepte soziale Ordnung, Konfliktlösung und Friedenskonsolidierung in eine theoretische Perspektive zu setzen. Das Kapitel schließt mit einer Beschreibung der Feldforschungsbedingungen und der angewandten Feldforschungsmethoden.

Kapitel Zwei schildert den historischen Verlauf der Beziehungen zwischen den Oromo und Gumuz. Das Kapitel setzt sich mit den Ursprüngen, Kontakten und Interaktionen zwischen den beiden Gruppen im Kontext des Staatsbildungsprozesses auseinander. Die Literatur datiert die Ankunft der Oromo im westlichen Teil des Landes zumeist auf das 16. Jahrhundert, während die Ergebnisse meiner Forschung mit mündlichen Quellen zeigen, dass sie bereits seit langer Zeit in diesem Gebiet leben. Ich konnte zudem zeigen, dass die frühere Heimat der Gumuz im historischen Agawmidir lag und bis zum Tana See reichte. Ob dieses Gebiet ihr tatsächliches Ursprungsland ist, bleibt umstritten. Belegt ist, dass seit dem 19. Jahrhundert Gumuz-Gemeinschaften aus diesem Gebiet begannen, nach Süden zu wandern, höchstwahrscheinlich um Übergriffen der Agaw, Amhara aus dem Weg zu gehen und zur Vermeidung von Sklaverei und Leibeigenschaft durch die Anglo-Ägypter. Ein kleiner Teil dieser Bevölkerung überquerte den Abbaya Fluss und besiedelte Land südlich des Flusses in einem friedlichen Gebiet der damaligen Provinz Wallagga, die unter dem Schutz der Oromo-Erbkönigs von Leeqaa Naqamtee stand. Die meisten frühen schriftlichen Zeugnisse beschreiben eine idealisierte Bindung zwischen den Oromo und Gumuz.

Meine Ergebnisse zeigen, trotz des vermeintlichen Schutzes der Gumuz durch die Oromo und trotz deren generell integrativen Kultur, dass die Beziehungen der Oromo zu den Gumuz asymmetrisch waren. Letztere scheinen eine wichtige Rolle als Arbeitskräfte in der feudalen Wirtschaft gespielt zu haben, indem sie während der Herrschaft Leeqaa Naqamtees Baumwollfelder bestellten und Waldnutzung betrieben. Die extreme Ausbeutung der Gumuz durch hohe Grundsteuern kam in den 1940ern durch die Modernisierungspolitik Kaiser Haile Sellasies auf. Im Jahr 1953 kam es zur offenen Revolte der Gumuz, die von kaiserlichen Truppen niedergeschlagen wurde. Im Kontext der Zentralisierung des Landes als Ursache lokaler Konflikte ist diese Revolte ein wichtiges historisches Ereignis. Bei der Betrachtung solcher staatlichen Interventionen ist zu bedenken, dass das hundertjährige Zusammenleben der Gumuz und Oromo als gute Nachbarn das Auftreten von Konflikten nicht ausschloss. Die Interaktion der beiden Gruppen führte immer wieder zu Konflikten, die sie allerdings auf friedliche Weise durch eigene Konfliktlösungsmechanismen bewältigten. Die Ältesten schufen eine Arena, in der die gegnerischen Parteien zusammensaßen und Streit und Konflikte lösten. Dieses Vorgehen steht im deutlichen Kontrast zu staatlichen Interventionen in Konfliktsituationen – wie, beispielsweise, im Jahr 1953 – wie in den folgenden Kapiteln noch gezeigt werden wird.

Nach dem allgemeinen geschichtlichen Überblick der frühen Kontakte und Interaktionen der Oromo und Gumuz, befasst sich Kapitel Drei mit der Einführung und Implementierung (1991–1995) des ethnischen Föderalismus und seinen Auswirkungen auf die entlang ethnischer Grenzen neu strukturierten Regionen. Die Mehrheit der Untersuchungen des äthiopischen ethnischen Föderalismus betrachtet seinen Einfluss auf interethnische Konflikte. Meine Arbeit zeigt jedoch, dass der gegenwärtige Konflikt eher aus dem Mangel an echtem ethnischen Föderalismus und dem Mangel an effektiv arbeitenden staatlichen Institutionen resultiert. Es fehlt der politische Wille, echte föderale Strukturen umzusetzen und im Alltag spürbar zu machen. Das Kapitel zeigt, dass weder das Wesen des äthiopischen Staates noch die Zentrum-Peripherie-Beziehungen zu signifikanten Veränderung geführt haben, und dass der ethnische Föderalismus stattdessen zur weiteren politischen und wirtschaftlichen Konsolidierung eingesetzt wurde.

Kapitel Vier untersucht die Konfliktsituation nach Einführung des ethnischen Föderalismus. Es wird gezeigt, wie politische Eliten historische Situationen retrospektiv betrachten, interpretieren und selektiv für gegenwärtige Situationen instrumentalisieren. Nach 1991 sahen sich die politischen Parteien und dazugehörigen Gruppen ambivalenten Beziehungen und politischer Unsicherheit ausgesetzt. Unter den politischen Eliten der Gumuz herrschte Uneinigkeit über die Fortführung der historischen Beziehungen zu den Oromo, da sie sich zwischen zwei wichtigen politischen Parteien entscheiden musste – der Oromo-Befreiungsfront (Oromo Liberation Front – OLF) und der Tigray-geführten Revolutionären Demokratischen Front der Äthiopischen Völker (Ethiopian People’s Revolutionary Democratic Front – EPRDF). In der gegenwärtigen politischen Landschaft, die entlang ethnischer Grenzen organisiert ist, stehen die Gumuz vor zwei wesentlichen Dilemmas. Einerseits nehmen sie im politischen Gefüge der von den Berta dominierten Benishangul-Gumuz-Befreiungsbewegung in der neu gegründeten Region Benishangul-Gumuz eine schwierige Position ein, andererseits ist ihre ethnische Autonomie unter dem Dach der OLF unsicher. Anfang der 1990er wurden Berta-Gruppen zu den legitimen Partnern der Regierungspartei und somit zu den Inhabern der Macht im Regionalstaat gezählt. Im Jahr 1992 zog sich die Oromo-Befreiungsfront aus der Politik Äthiopiens zurück. Das wiederum veranlasste die Gumuz Eliten dazu, sich von der Gewinnerseite vereinnahmen zu lassen.

Die vorliegende Arbeit untersucht Ethnizität als Machtquelle, die die Loyalität politischer Parteien zur politischen Identität der amtierenden Machthaber voraussetzt. Das Wechseln zwischen Loyalitäten ist für politische Parteien ein wichtiges Instrument, um ihre Macht unter der jeweiligen Zentralregierung zu vergrößern. Meine Ergebnisse zeigen, dass Ethnisierung und wechselnde Loyalitäten die polarisierten Beziehungen zwischen der regionalen und lokalen Ebene von Benishangul Gumuz und zu den Behörden des Bundesstaates Oromia weiter verstärken und damit einvernehmliche Lösungen bestehender interregionaler Grenzstreitigkeiten erschweren. Kapitel Vier legt dar, dass solche Grenzstreitigkeiten Symptome lokaler Konflikte sind, die eng mit der Hierarchie und Situation ethnischer/politischer Identitäten auf verschiedenen Ebenen staatlicher Strukturen verbunden sind.

Kapitel Fünf beschäftigt sich weiterführend mit Konflikten um Land und legt dar, weshalb lokale Konflikte zumeist in Verbindung zu Landansprüchen stehen, und wie solche Konflikte gegenwärtig interpretiert werden. Lokale Landkonflikte spiegeln die Beschaffenheit des äthiopischen Staates wieder. Seit der Gründung Äthiopiens in seiner gegenwärtigen Zusammensetzung wurde Land in der geographischen und politischen Peripherie ihren Bewohnern nicht zur Verfügung gestellt, sondern es bleibt Gegenstand staatlich geförderter landwirtschaftlicher Großprojekte und Umsiedlungsprogramme. Die gegenwärtige Regierung beförderte kaum Veränderungen. Im Rahmen des ethnischen Föderalismus leitete die Regierung eine Territorialisierung des Landes ein, die Schlee (2010) zufolge zu ‚territorialisierter Ethnizität‘, welche dann zu ‚Landregistrierung‘ führt. Die Landregistrierung bedeutet im Wesentlichen die Territorialisierung staatlicher Macht im ländlichen Raum. Seit den vergangenen 15 Jahren erfolgt Registrierung des Landes der Bauern in ländlichen Regionen durch die äthiopische Regierung. Dies geschieht im Zeichen der Unterstützung von Entwicklungsprojekten, die durch ausländische Organisationen finanziert werden. Die Registrierung erfolgt mit der Absicht sichere Grundbesitzverhältnisse zu schaffen, Konflikte zu mindern und die makro-ökonomische Planung der Regierung zu unterstützen.

Die Landregistrierung dient der äthiopischen Regierung jedoch vor allem zu großflächigen ‚Zwangsenteignungen‘. Mithilfe der rechtlichen Bestimmungen wird Land in Kategorien von ‚genutzt‘ oder ‚ungenutzt‘ definiert. Von den benachbarten Bundesstaaten Oromia und Benishangul Gumuz ist besonders der letztere von Regierungsentscheidungen betroffen, die zusammenhängende (vermeintlich ungenutzte) Landflächen unter Regierungsverantwortung stellten, und deren Verpachtung zur Produktion von Landwirtschaftserzeugnissen für Export und Industrie ermöglichten. Landregistrierung ist auch ein Instrument, um Bewohner (Landeigentümer und Nutzer) und Outsider (Nicht-Nutzer) zu unterscheiden. Auf diese Weise soll verhindert werden, dass Outsider von den zu erwartenden Erträgen der Landumverteilung profitieren. Der Begriff „Bewohner“ ist indes schwer zu fassen. Im Kontext von ‚Nationen‘, ‚Nationalitäten‘ und ‚Völkern‘ gelten in Benishangul Gumuz nur die Berta, Gumuz, Komo, Mao, und Boro-Shinasha als autochthon, während es in Oromia nur die Oromo sind. Das Konzept von Außenseitern setzt den Ausschluss ethnisch kategorisierter Bevölkerungsgruppen, wie z.B. der Oromo in Benishangul Gumuz – voraus. Sie werden enteignet, gewaltsam umgesiedelt und nicht an den Erträgen der Landumverteilung beteiligt. Enteignetes Land wird zunächst der Federal Land Bank, einer zentralen Landbehörde, übereignet, bevor es Investoren zur Verfügung gestellt wird.

Der Staat vermischt an dieser Stelle wirtschaftliche Interessen mit dem politischen Einfluss entlang der Machtkette bis hin zu den lokalen staatlichen Behörden und den Bauern. Die lokalen Behörden wurden dadurch zu Zwischenhändler zwischen Staat und Bevölkerung. Lokale Behörden entscheiden über die Definition von ‚ungenutztem‘ Land, über welches dann der Staat entscheidet, und ‚ethnischem Land‘, das nicht nur den Kern ethnischer Identität bildet, sondern auch entscheidend für deren Mobilisierung ist. Beide Arten von Land stellen eine Machtquelle dar. Der wirtschaftliche Wert des Landes verleitet lokale staatliche Behörden zur Zusammenarbeit mit Anführern von Gumuz-Gemeinschaften, um das Gemeinschaftsland aufzuteilen und illegal zu verkaufen. Die politischen Eliten der Gumuz halten dies für eine Notwendigkeit, und ziehen diese Art der Landnutzung vor, anstatt auf Erträge aus der Kommodifikation der Flächen zu warten oder vom Staat enteignet zu werden. Die Landnachfrage hat unter den saisonalen Immigranten zugenommen, die als Tagelöhner in den Investitionsprojekten arbeiten.

Die großflächige Verpachtung und Enteignung, Landregistrierung, Umsiedlungen und Landkommodifikation haben nicht nur zu einer Landknappheit geführt, sondern auch die vormals flexiblen Besitzverhältnisse (Naturalpacht) zwischen den Gumuz und Oromo in Frage gestellt. Die lokalen Behörden versuchen zudem, ihre Bevölkerungsgruppen von den früheren, flexiblen Landnutzungspraktiken abzubringen und vertreten hingegen die Ansicht, dass die Bundesstaatsgrenzen zwischen den beiden Gruppen im Grunde genommen als undurchlässig anzusehen sind. In eben diesem Kontext ist der Konflikt um eine Landparzelle zu sehen, der im Mai 2008 eskalierte, welcher allerdings nur ein Symptom des Problems war und nicht dessen Ursache. Der ursprünglich kleinere Konflikt zwischen einem Oromo und einem Gumuz drehte sich um einen Gojjame-Immigranten, der eine Landparzelle pachten wollte. Der Fall diente als Vorwand für eine Auseinandersetzung, die in wenig mehr als einer Stunde hunderte von Todesopfern (mehrheitlich Oromo), großen Sachschaden und den Zusammenbruch der sozialen Ordnung zur Folge hatte. Im Nachgang wies jede Seite Bauern aus ihren Territorien aus, und die regionalen Grenzziehungen wurden weiter verhärtet.

Kapitel Sechs untersucht die Risiken der oben genannten Beziehungen zwischen den ethnischen Gemeinschaften und staatlichen Behörden. Ich analysiere die Proliferation von Waffen und die staatlich gebilligte ungleiche Entwaffnung benachbarter Gumuz- und Oromo-Gemeinschaften sowie wann und warum Waffen als Gewaltinstrument eingesetzt werden. Meine Ergebnisse zeigen, dass die Proliferation moderner Waffen im Westen Äthiopiens auf drei wesentliche Gründe zurückzuführen ist: auf militärische Aktionen in den 1980ern und 1990ern, ein Netzwerk aus Angebot und Nachfrage und ungleiche staatliche Abrüstung. Ich zeige auf, dass gegenwärtig die Gumuz die mit Abstand am besten bewaffnete Volksgruppe in der westlichen Grenzregion sind. Im Gegensatz dazu führte die ungleiche Entwaffnungspolitik in den Bundesstaaten zu einer fast vollständigen Entwaffnung der Oromo. Diese Ungleichbehandlung der beiden ethnischen Gruppen ist Teil der divide et impera Politik der äthiopischen Regierung, die die Entwaffnung verkompliziert. Der Hauptgrund für die Benachteiligung der Oromo war zum einen das mangelnde Vertrauen der Regierung in die Oromo und zum anderen die für Rebellengruppen wie die OLF strategisch vorteilhafte Geographie des Gebietes. Die Regierung setzt Gumuz-Milizen ein, um ihre politischen und sozialen Ziele durchzusetzen und um die Sicherheitskräfte der Regierung bei der ‚Sicherung‘ ethnischer Beziehungen zu unterstützen. Diese staatlichen Handlungen und deren Auswirkungen auf die langfristige soziale Ordnung wurden von der Bevölkerung als Strategie wahrgenommen mit der der Staat der sozialen Ordnung schadet, um seine Macht zu erhalten. Die Machterhaltung verlangt die Aufrechterhaltung eines Waffenmonopols, ohne das die herrschende Partei nicht den Spielraum besitzen würde, um auf nationaler und lokaler Ebene zu operieren.

Kapitel Sieben ist dem Thema Konfliktlösung gewidmet. Nach einem Konflikt und dem Zusammenbruch der sozialen Ordnung wird eine Mediation zwischen beiden Konfliktparteien eingesetzt, um den Konflikt endgültig zu lösen und die soziale Ordnung wiederherzustellen. Ein großes Problem bei einem Mediationsverfahren ist die Frage, ob die Mediation die grundlegenden Ursachen des Konflikts beseitigen kann und damit eine ernsthafte Lösung hervorbringt. Wie die narrativen Belege der vorliegenden Arbeit zeigen, ist Mediation allein hierbei nicht ausreichend. Einige wichtige Beobachtungen lassen sich wie folgt zusammenfassen: Mediationsprozesse im Feldforschungsgebiet führten zu einer verstärkten Abgrenzung. Obwohl die äthiopische Verfassung die ‚Neudefinition‘ interregionaler Grenzen per Referendum vorsieht, kam dieses Verfahren jedoch nie zur Anwendung. Die Mediatoren verfolgten nicht das Ziel, Verhandlungen zwischen den Parteien zu ermöglichen, sondern gaben schnell Entscheidungen bekannt, ohne dass die Konfliktparteien ‚dazu bereit waren‘. Ein Teil der Bevölkerung sieht in dieser vorschnellen Entscheidungsfindung eine „Abkühlungsstrategie“. Ein anderer Teil der Bevölkerung behauptet, dass die Abgrenzung der beiden Gruppen im Interesse der Mediatoren und des Staates liegt, um die Fortführung der früheren flexiblen Landnutzungspraktiken zwischen den Gumuz und den Oromo zu unterbinden. Prozesse wie Mediation und die Wiederherstellung alltäglicher Beziehungen verlaufen nicht reibungslos, da Politiker beider Seiten unter Berufung auf starre ethnische Unterschiede handeln. Die Nichtbeachtung alter Landnutzungspraktiken und die wachsende Zahl erhobener Ansprüche auf Land in umstrittenen Gebieten haben dazu geführt, dass die Komplexität der Konflikte zugenommen hat und die Konfliktlösung zunehmend problematischer geworden ist.

Kapitel Acht beschäftigt sich mit dem Thema Friedensbildung und welche Maßnahmen dafür nach einem Konfliktlösungsprozess ergriffen werden. Bei der Betrachtung von Friedensbildung ist es unerlässlich festzustellen, welche Konfliktparteien am Prozess beteiligt sein sollten und welche tatsächlich involviert sind. Die Untersuchung zeigt, dass an der Friedenskonsolidierung verschiedene Akteure staatlicher Behörden, lokaler Gemeinschaften und religiöser Institutionen (wie, beispielsweise, die Äthiopische Evangelische Kirche Mekane Yesus) mitwirken. Vor Ort geht Friedensbildung kaum über demonstrative Schlichtungsgespräche hinaus. Die Regierung bzw. ihre Vertreter nehmen sich selbst meist nicht als Beteiligte am Zusammenbruch der lokalen sozialen Ordnung wahr. Landressourcen sind immer wieder Mittelpunkt politischer Machtkämpfe, die aus vermeintlichen oder tatsächlichen Besitztums- oder Statusunterschieden entstehen. Die von der Regierungspolitik und politischen Machtspielen verursachten Probleme werden dabei weitestgehend außer Acht gelassen. Friedensbildung ist ein multidimensionaler Prozess, auf den alle Akteure einwirken. Der Erfolg dieses Prozesses erfordert die Mitwirkung aller Beteiligten, einschließlich der staatlichen Institutionen auf regionaler und auf Bundesebene.

Die gegenwärtige Konfliktsituation lässt sich zusammenfassend am besten als Konsolidierung beschreiben, die sowohl den Militär- und Sicherheitsapparat umfasst wie auch die politischen und wirtschaftlichen Bereiche. Diese Art der Konsolidierung verstärkt (und wird verstärkt durch) die Manipulation ethnischer Identität und durch Konflikte zum Zwecke der Machterhaltung im Zentrum und in der Peripherie.

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